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Die Eton Boys kommen| Internazionalismoa |Charles Schirmer , 06.04.2008 20:42 Dandy gegen «roten Ken» ... Farbiger Wahlkampf um das Londoner Bürgermeisteramt. Der Verdruss der britischen Wähler mit der Labourpartei dringt zur Hauptstadt vor. Erstmals hat ein Tory Chancen, Bürgermeister zu werden. Wer denkt, Politik sei langweilig geworden, der war kürzlich nicht in London. Bei den britischen Kommunalwahlen vom 1. Mai stehen sich in der Hauptstadt zwei Kandidaten für das Bürgermeisteramt gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ken Livingstone, in den achtziger Jahren ein Exponent des linksradikalen Flügels der Labourpartei, tritt zu einer dritten Amtszeit an. .....
Sein Herausforderer von den Tories ist ein Blondschopf namens Boris Johnson, ein ehemaliger Journalist und Dandy, der gerne wehenden Mantels mit dem Velo ins Parlament von Westminster fährt, wo er eine Hinterbank drückt. Man weiss bei Johnson nie so recht, ob er meint, was er sagt, aber es klingt meistens stockkonservativ. Links gegen rechts ... Man braucht den beiden wichtigsten Kandidaten ? alle anderen sind chancenlos ? nur zuzuhören, um zu wissen, woher sie kommen. Der 62-jährige Livingstone spricht den nasalen Akzent eines Arbeitersohns aus Südlondon. Er liess sich zum Medizintechniker ausbilden, dann ging er in die Politik. Der um 20 Jahre jüngere Johnson nuschelt und bricht seine Sätze ab, wenn ohnehin klar ist, was er sagen will ? ein Manierismus der englischen Oberklasse. Er ging in Eton zur Schule und studierte klassische Philologie in Oxford, wo er im Übrigen als engagiertes Mitglied des Bullingdon Club auffiel, einer legendären Saufvereinigung und des Schreckens aller Oxforder Pubs und Restaurants. Kommentatoren sticheln, Johnsons Studentenjahre qualifizierten ihn bestens als Experten für das jugendliche Bandenwesen, eines der Themen dieses Wahlkampfs. Klar vertreten Livingstone und Johnson unterschiedliche Positionen. Beispiel Wohnbaupolitik: Hier sind die Befugnisse geteilt. Der Bürgermeister verteilt das Budget, die 32 Londoner Gemeindebehörden, die Boroughs, sind die Bauherren. Während Livingstone die von den Tories kontrollierten Boroughs zwingen will, billige Mietwohnungen zu bauen, verspricht Johnson, ihnen überhaupt nicht mehr ins Zeug zu reden, sondern sich auf die Förderung des Wohneigentums und der Ästhetik von Neubauten zu beschränken. Livingstone will die von ihm geschaffene Staugebühr für Autos, die in der Innenstadt verkehren, durch eine Strafsteuer für Luxusmodelle ausbauen. Johnson verspricht die teilweise Abschaffung der Staugebühr. Anne McElvoy, eine Kolumnistin der Abendzeitung «Evening Standard», hält beide Kandidaten für Populisten. Als Vorteil sei ihnen gemeinsam, dass sie Witz hätten und Wähler ausserhalb des Kerns von Labour- und Tory-Anhängern anziehen könnten. Als Livingstones grösstes Handicap bezeichnet sie dessen Amtsmüdigkeit, die sich gelegentlich in arroganten Ausfällen gegen Kritiker Bahn bricht. Die Wähler hätten im ganzen Land genug von Labour, sagt auch der Politologe Tony Travers von der London School of Economics. Livingstone müsse mit dem sehr britischen Instinkt fertig werden, Politiker unabhängig von ihren Verdiensten abzuwählen, wenn sie zu lange an der Macht verharrten. Auch Boris Johnson könnte in den kommenden Wochen an Grenzen stossen. Die ersten Sätze seiner Reden sind oft klug und witzig formuliert, aber nach dem dritten oder vierten verheddert er sich schnell einmal. Finanzpolitik langweilt ihn, wie er offen bekannte. «Zu einem Thema für Erwachsene, sagen wir der Reform des Sozialstaats, kann er nichts beitragen», sagt McElvoy mit Blick auf Johnsons eher dürftigen Ausweis als Mitglied des Unterhauses seit 2001. In den Umfragen wird Livingstone als der kompetentere Kandidat angesehen, trotzdem liegt Johnson bis zu zehn Prozentpunkte vor seinem Widersacher. Noch Anfang Jahr galt der als «der rote Ken» bekannte Livingstone als Favorit. Auch Johnson scheint überrascht, wie gut er ankommt. Als er darauf hingewiesen wurde, dass er im Fall seiner Wahl bei der Schlusszeremonie der Olympischen Spiele am 24. August in Peking die olympische Fahne entgegennehmen müsste, soll er verdutzt in der Agenda geblättert und gesagt haben, dann sei er doch in der Toskana. 2012 finden die Spiele in London statt. Beide Kandidaten essen und trinken gerne und produzieren Skandale. Livingstone ermunterte letztes Jahr den venezolanischen Linkspopulisten Hugo Chávez, in propagandistischer Weise billiges Heizöl an Londoner Sozialhilfeempfänger zu verschenken. Letzte Woche wurde bekannt, dass er neben seinen zwei ehelichen drei uneheliche Kinder gezeugt hat. Die Londoner interessierten solche Privatsachen nicht, sagte Livingstone schmunzelnd. Womit er möglicherweise recht hat, auch zur Freude von Boris Johnson. Dieser musste 2004 aus dem Tory-Schattenkabinett zurücktreten, weil er über eine aussereheliche Affäre gelogen hatte. Letzte Woche räumte er ein, in seinen wilden Oxforder Jahren auch einmal Kokain geschnupft zu haben. Die Eton Boys kommen ... Obwohl beide Kandidaten als «loose cannons», als unberechenbare Politiker gelten und sie ein eher schwieriges Verhältnis mit ihren jeweiligen Parteileitungen verbindet, werden sie von Premierminister Gordon Brown beziehungsweise dem Tory-Oppositionsführer David Cameron unterstützt. Es steht viel auf dem Spiel. Gewinnt Johnson das prestigereiche Amt, bekämen die Tories, die bei den nächsten Parlamentswahlen an die Macht zurück wollen, kräftig Schub. Johnson könnte nicht zuletzt beweisen, dass die «Eton Boys» wählbar sind: Auch Cameron ging in dem Eliteinstitut zur Schule. Von Markus M. Haefliger, London - http://www.nzz.ch/nachrichten/international/dandy_gegen_roten_ken_1.702753.html
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